Gerade pünktlich – das Taxi ist gerufen, die Augen sind smoky mit ein bisschen schwarzem Glitzer – kommt die Nachricht aus Montreal – “Ich vermisse Dich.” Von dem Mann, der mich über die Jahre zu den extremsten Gefühls- und Hormonaufwallungen gebracht hat und der sich aber auch seit einem Jahr nicht mehr gemeldet hat. Ich könnte nicht sagen, dass ich ihn gerade akut vermisse, aber fehlen tut er mir schon, generell. Sein Drama, das immer ansteckend war (, ist, und werden bleibt), sein Kuss, die Art, wie er sich in einen hineingrätscht, um komplett alle Aufmerksamkeit zu haben, seine Intelligenz die an den Wahn grenzt, sein free-love-spirit, sein fetter Schwanz, den er so generös einsetzt wie seine Worte, und die (und den) in vielen Sprachen. Ihn zu lieben setzt größtmögliche Toleranz voraus, aber irgendwie war ich an dem Punkt angekommen, als ich ihn mal versehentlich in einem Pornofilm wiedersah. XYZtube ist halt das neue Facebook, sagte ich mir. Und ich bin ja selber ne Schlampe, nur dass ich mich noch nicht auf XYZtube gefunden habe, aber auszuschließen ist es nicht, was weiß ich, was Leute mit privaten Sexclips tun. Seine immerhin waren professionell. Aber selbst dort war seine absolute Hingabe zu erkennen. Ein Mann, der sein Drama meinem entgegensetzen kann, George und Martha – aber als Hippies, also jemand, in all seinem ADHS, der einen Platz in meinem Herzen hat. Dabei wollte ich dieses Jahr ganz geerdet aufs Autorenfest gehen, letztes Jahr hielt mich die Phobie ab, das Jahr davor endete eine Sommerliebelei, ein emotionaler Event also. Das Taxi ist da und wir texten ein bisschen, ich versuche, ihn zu stabilisieren, mit den Mitteln, die ich habe – Du bist hier immer willkommen, ich drück Dich, und dann bin ich schon mit etwas feuchten Augen in Schöneberg. Das Fest findet dieses Jahr nicht in dem feinen Haus an meinem geliebten See statt, bei der wunderbaren B., in die ich mich schon beim ersten Kennenlernen verknallt habe und trotzdem sehen wir uns nur bei diesem Fest, was sich von nun an ändern wird. Denn heute ist sie nicht die Gastgeberin. Und ich mach die Tür auf und da ist sie, dieses Mal als Gast, und der Abend könnte nicht besser werden, denn wir haben endlich mal Zeit, zu reden und im Gespräch wird klar, dass meine Instinkte, sie für einen Weltklasse-Menschen zu halten, goldrichtig waren. Außerdem nimmt sie mir nicht übel, dass ich sie in der Oper der Phantome besetzt habe, sondern hat erkannt, dass ich meine Superhelden in dem Buch zu Superhelden gemacht habe und fühlt sich geehrt. Und ich mich geschmeichelt. Und so bekommt der Abend seine nicht enden wollende Grundstimmung – Berlin ist meine Berliner Freunde. Ein fellow-Author begrüßt mich als Glam* – seit meinem Meltdown letztes Jahr liest er das Blog sehr gern, ich sag – “Das ist ja super, weil da viele abgesprungen sind, es wurde denen zu echt”, und dann geh ich mit seiner schwedischen Freundin S. zum Buffet, das, wie immer, der Hammer ist. Die Lili, die in meinem Roman unfairerweise Angie heißt, kümmert sich um alles, und in der Küche rede ich mit meiner hochgradig fantastischen und wunderschönen Agentin. Als es nicht schöner werden kann, verabschiede ich mich. Stelle fest, dass ich um die Ecke von meinem lieben Freund M. bin und ruf ihn an. “Kann ich Dich zurückrufen?” “Of course”. Aber dann sitz ich schon im zweiten Taxi des Abends. “By the way – darf ich Ihnen sagen, dass sie heute schon der zweite Taxifahrer mit einem massiv geilen Super-Fahrstil sind? So klotzen statt kleckern. Dominanz auf der Straße zeigen. Das gefällt mir! So fahr ich selbst!” Und der brettert stolz weiter und bringt einen Vampir mit einem splatternden Pfützenwasserschwall zum Schmelzen. “Oh, das ist schade, dass wir uns verpasst haben. Aber bist Du zu Hause, dann käm ich nochmal vorbei.” Und dann kommt der M., ich koche ihm Kaffee und trinke selbst Chardonnay auf Eis, und es wird ein Gespräch, wie ganz früher, als wir erstmals Freunde waren, mit dem added bonus, dass wir miteinander mittlerweile sowas von frei sprechen können, Skandale, Tabus, Schamgrenzenniederreißung, und als der M. geht und ich den Abend Revue passieren lasse, da spür ich mich, wo ich bin und als es gerade ein ganz ganz wohliges Gefühl wird, da bricht der Regen durch das Schlafzimmerdach und ergießt sich niagaresk auf den Teppich und ich steh, kuck, und lach mich tot.

 

*http://glamourdick.me

Advertisements