Die älteste Datei von „Ashby House“, die ich auf dem Mac habe, datiert vom 27. April 2005. Das heißt aber nicht, dass das der Tag war, wo ich mit dem Schreiben begonnen hatte, denn vor ein paar Monaten habe ich die Jahre 1999 bis 2004 ausgesiedelt, um mehr Speicherplatz für alle möglichen Glee-Soundtracks undsoweiter zu bekommen. Im April 2005, da bin ich mir ziemlich sicher, lag die erste Fassung bereits vor. Seinen Anfang genommen hatte das Buch geschätzte neun Monate zuvor. Der erste in einer langen Reihe von Mitbewohnern hatte seinen Hund und seine Styroporkostüme, Orangenkistenmöbel, von der Straße aufgelesenen fast-wie-neuen Teppiche, Second-Hand-Hemden und Eisennägel gepackt, und nach einem Exorzismus strich ich das nun fast leere Zimmer in den Disney-Farben Puder und Sternenstaub. Darin befanden sich eine lindgrüne ostdeutsche Kommode mit drei Schubladen, die – erstaunlich für ein DDR-Möbel – von prunkhaften Diamant-Imitationsknaufen aus reinstem Plastik geziert wurde, ein bequemes Bett und ein rosa gestreiftes Sofa, (bedeckt mit Decken voller Elefanten-Illustrationen), das die amerikanische Nachbarin einst von einer mittlerweile vestorbenen deutschen Serien-Schauspielerin erworben und mit mir gegen die Küchen-Korbstühle von Georgette Dee eingetauscht hatte. Auf diesem Sofa schrieb ich eines Tages einen kurzen Text, der mit den Worten begann „Im Turmzimmer waren schon immer Menschen verschwunden.“ Der Satz kam von selbst, die folgenden Seiten ebenfalls. Automatic writing.
„Und wie geht´s Dir so – allein in der Wohnung?“ fragte mich der kürzlich Ausgezogene.
„Du, gut. Ich hab mit einem Text angefangen, und ich glaube, da wird mehr draus.“
„Ein Roman?“
„Ein Schauerroman.“
„Und worum geht´s?“
„Um ein Zimmer, in dem Menschen verschwinden.“

Das war erst einmal noch nicht viel. Aber das Turmzimmer ließ mich nicht los und so baute ich ein Haus drum herum und bevölkerte es mit Figuren, in die ich alle etwas verknallt war. Mit Versatzstücken aus Filmen, Romanen, Liedern, bei denen es mir ähnlich ging – lange vor der Copy-&-Paste-Debatte, als ein Zitat noch ein Zitat und eine Referenz eine Referenz war, als es noch etwas gab, das man als künstlerische Befruchtung ansah und nicht als Diebstahl. „Ashby House“ hat eine außerordentlich lange Danksagung, in der alle Referenzen, derer ich mir bewusst bin, Erwähnung finden. Eigentlich schade, denn es beraubt den Leser um den detektivischen Aspekt, aber seit Hegemann/Airen wohl leider nicht mehr anders machbar.

Ich schrieb, wie eigentlich bei fast jedem Buch-Projekt, zunächst neun Monate. Es hätte vielleicht bei diesem Buch länger gedauert, wenn ich nicht in Herrn Haus einen ungeduldigen Erstleser gehabt hätte, der ein Kapitel gemailt bekam, sobald es fertiggestellt war. Ich begriff auf diesem (Arbeits-)Weg, wie spannungsförderlich es für den Roman es ist, in der „Serial“-Form verfasst zu werden, wie sie üblich war, als Romane zunächst Kapitel für Kapitel in Zeitschriften im Wochen- oder Monatsrhythmus veröffentlicht wurden. Die eingebauten Cliffhanger am Ende eines Kapitels machten sowohl mir, als auch Herrn Haus Vergnügen. Ich kannte das Ende, ich hatte einen Einstieg und obwohl im Vorfeld einiges geplottet war, überraschte ich mich mitunter selbst mit, bzw vor Wendungen, die die Geschichte nahm, weil der Cliffhanger des vorhergehenden Kapitels mir mitunter Erstaunliches abverlangte, aber um´s Erstaunen geht es ja in einem Schauerroman. Insofern hat mir kein literarisches Projekt mehr Vergnügen bereitet als die Arbeit an „Ashby House“. Das Haus und die Bewohner und Besucher hielten viele Überraschungen für mich bereit. Bei all dem Vergnügen möchte ich dennoch darauf hinweise, dass es sich um Arbeit handelt, einen Roman zu verfassen. Man schöpft und ist erschöpft.

Einen Erstleser regelmäßig zu beliefern hat auch zur Folge, dass man unter dem Zwang steht, das Buch fertig zu stellen. So ist, was die Entstehungsgeschichte von „Ashby House“ angeht, Herr Haus der Erste, dem ich zu danken habe.

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